„Rein religionskundlicher Unterricht ist eine Schnapsidee!“ – Die Erwiderung eines Religionslehrers

"Ein allen Religionen gegenüber in gleicher Weise neutraler Unterricht ist nicht möglich" Foto: Wikipedia

„Ein allen Religionen gegenüber in gleicher Weise neutraler Unterricht ist nicht möglich“ Foto: Cait9386 auf es.wikipedia.org

Vor zwei Wochen warb unser Autor Henrik Pomeranz für eine neue Art von Religionsunterricht. Darauf folgt nun die Antwort des protestantischen Pfarrers und  Religionslehrers Martin Afheldt.

„Über Religion lässt sich vortrefflich streiten“, da hat Herr Pomeranz wohl recht. Endlich gibt es auf Politik Online mal wieder ein Thema, zu dem sich jeder äußern kann. Und als ehemaliger Religionslehrer des Autors, will ich das nun gerne tun.

Dass der Religionsunterricht früherer Zeiten oftmals als Glaubensunterweisung verstanden wurde und dass sich daher auch die Ängste mancher Eltern vor einer Teilnahme ihrer Kinder am Religionsunterricht begründen lassen, dürfte vor allem in den ostdeutschen Ländern und ihrer verwurzelten Furcht vor neuer Indoktrinierung zutreffen. Das hat geschichtliche Wurzeln. Nur: Auch der als Ersatz angebotene Unterricht in Philosophie oder Ethik ist letztlich kein neutraler Unterricht  (wie auch der Unterricht in jedem anderen Fach niemals neutral sein kann). Gerade der evangelische Religionsunterricht versteht sich ja als Bildungsangebot an alle und erfüllt in seiner oft sehr kritischen Hinterfragung kirchlicher Lehrinhalte selten die Erwartungen der Kirchenleitungen.

Man kommt aber nicht umhin, gerade auch im Religionsunterricht den Schlüssel für das Lesen und die Sprachfähigkeit in und über eine Kultur zu finden, die über Jahrtausende Europa geprägt hat. Darum hat der Philosoph Jürgen Habermas 2001 darauf hingewiesen, dass hier auch der „religiös unmusikalische“ Mensch Bescheid wissen muss. Ob dieser Glaube dann geteilt wird, ist eine andere Frage. Gehe ich z. B. in eine Gemäldegalerie oder ein Konzert, bin ich von dieser Tradition umgeben. Peinlich wird es dann, wenn ich sie nicht verstehe. Zur „Glaubensvermittlung“ dient jedoch nicht der Religionsunterricht, sondern die Katechese; für die Glaubensvermittlung hat der Religionsunterricht selten etwas ausgetragen. Religionsunterricht ist kein „Quasi-Konfirmandenunterricht“; er vermittelt Wissen und keinen Glauben!

Holprig und etwas populistisch wird die Argumentation des Autors, wenn es um den Artikel 7 Absatz 3 des Grundgesetzes geht. Hier spielen die bitteren Erfahrungen zweier deutscher Diktaturen die entscheidende Rolle, in denen jeweils der Staat vorgeben wollte, was der Bürger zu glauben und zu denken habe. In beiden Diktaturen wurden solche weltanschaulichen Fächer angeboten, in denen nicht Kenntnisse, sondern Überzeugungen zensiert wurden und die deshalb Kindern eine Zweisprachigkeit (öffentlich/privat) antrainiert haben, die keinesfalls akzeptabel ist. Die staatlichen Organe wollten diese Position der Kirchen im GG verankert wissen, zumal sich die Bundesrepublik als weltanschaulich neutraler Staat versteht. Zu diesem Verständnis gehört die (positive und negative) Religionsfreiheit, die das GG garantiert. Daher sei einmal der Blick in die Präambeln der heute noch gültigen Staat-Kirchen-Verträge empfohlen, wie sie in den „alten“ Bundesländern abgeschlossen wurden.

Die Idee eines rein religionskundlich ausgerichteten Religionsunterrichts ist nun allerdings eine Schnapsidee, und zwar aus zwei Gründen. Zum einen soll die Auseinandersetzung mit einer Religion gefördert werden, und zwar positiv wie negativ. Dabei hat der Schüler natürlich die Freiheit, auch negativ Position zu beziehen. Hierher gehört dann auch die Einbeziehung der Religionskritik, die – wie der Autor wohl weiß – im Religionsunterricht durchaus vorkommt. Dass philosophische Positionen weniger einbezogen werden, mag ein Mangel sein; hier kann man darüber diskutieren, ob nicht die Teilnahme an beiden Fächern verbindlich sein sollte.

Zum anderen ist ein allen Religionen gegenüber in gleicher Weise neutraler Unterricht gar nicht möglich, weil kein Unterrichtsfach – siehe oben! – neutral ist, sondern auch immer Vorlieben der Lehrkraft widerspiegelt. Im besten Fall begeistert diese die Schüler für ihr Fach oder ein bestimmtes Wissens- bzw. Teilgebiet. Daher ist auch dem neuen, seit 2007 in der Schweiz (Kanton Zürich) startenden Religionsunterricht-Modell Skepsis gegenüber angebracht. Hier hinein gehört auch die Überlegung, dass es schon unmöglich ist, eine Religion in ihrer Breite und Tiefe voll zu erfassen – geschweige denn alle bis hin zu kleinen Gruppierungen. Hier ist eine Beschränkung doch sehr sinnvoll, und man muss sich immer dessen bewusst sein, dass man weitgehend nur an der Oberfläche bleibt. Und welcher Schüler, der keine Verbindung dazu hat, möchte sich schon monatelang mit heiligen Texten der indischen, buddhistischen und chinesischen Tradition auseinandersetzen? Sollen wir mal ein halbes Jahr lang das buddhistische Lotos-Sutra durcharbeiten oder die Bhagavadgita? Da gehört dann schon mehr als Enthusiasmus dazu – von allen Seiten.

Da ist es doch sinnvoller, sich auf Religionen wie Judentum, Christentum, Islam und vielleicht auch Buddhismus zu beschränken. Wo es möglich ist, sollten authentische Begegnungen mit Vertretern anderer Religionen, deren Gebäuden, Festen und heiligen Schriften ermöglicht werden. Das ist im Blick auf Judentum, Christentum und Islam besonders wichtig. Die Einbeziehung anderer Religionen in den Religionsunterricht ist ohnehin seit Jahrzehnten Standard, religionswissenschaftliche Kenntnisse sind darum für jeden Religionslehrer eine Voraussetzung, um seinen Beruf auszuüben. Das neue islamische Religionsbuch „Saphir“ etwa bietet gute Möglichkeiten, im christlichen Religionsunterricht andere Glaubensweisen zu entdecken.

Und zum guten Schluss eine Sentenz von Harry Rowohlt: „Es ist sehr wichtig, in der Schule immer gut aufzupassen, sonst muss man hinterher studieren.“