Reden wir über Politik

Stefan Raab kennt man als einen Mann, der Rodelbahnen auf Kochtöpfen unsicher macht. Manchmal versucht er aber auch, junge Menschen für Politik zu begeistern. Das ist eine schöne Idee. Funktioniert sie auch? Ein Abend vor dem Fernseher.

Sonntagabend. Mal sehen, ob ich es heute schaffe. Zum fünften Mal moderiert Stefan Raab seine Talkshow Absolute Mehrheit – Meinung muss sich wieder lohnen. Bisher habe ich es nie geschafft, die Sendung ganz zu schauen, immer musste ich umschalten, weil mir irgendwas auf die Nerven ging: Raabs flache Witze. Die Zuschauerabstimmung. Das Publikum, das höhnisch über Talkgäste lachte, die nichts taten als ihre Position zu vertreten. Aber ich will nicht vorschnell urteilen, zumindest eine Ausgabe will ich bis zur letzten Minute gesehen haben, bevor ich mich darüber aufrege.

Ein Blick auf die Gäste heute Abend: Linken-Spitzenkandidat Klaus Ernst ist da, NRW-Wirtschaftsminister Garrelt Duin und Fußballkommentator Wolff-Christoph Fuss. Außerdem: Lasse Becker von den Jungen Liberalen und Cornelia wer? – achso, Cornelia Otto von den Piraten, nie gehört, naja, ist auch erst ihr erster Talkshowauftritt, sagt sie, vorher war sie nur in der Heute Show zu sehen. Hochkarätig sind diese Gäste nicht. Aber das muss ja nichts heißen.

Was sofort auffällt: Raab sagt nicht „Gäste“, sondern „Kandidaten“. Das passt zum Konzept der Show: Per Telefon und SMS stimmen die Zuschauer darüber ab, welchen Diskutanten sie am überzeugendsten finden. Wer die absolute Mehrheit hinter sich versammelt, knackt den Jackpot, 200.000 Euro sind das zurzeit. Während der Sendung steht Raab mehrmals auf und geht zu Robin Alexander, Politikredakteur bei der Welt. Der zeigt, wie viel Prozent der Zuschauerstimmen die Kandidaten gerade haben, und analysiert, warum das Zwischenergebnis so aussieht.

Das ist Politik für eine Generation, die es gewohnt ist, vor Casting Shows zu sitzen und SMS mit a, b, c oder d zu verschicken, um den besten Sänger zu wählen. An sich eine originelle Idee, aber sie verfehlt den Sinn politischer Talkshows: die Argumente abzuwägen, auch sympathische Sprecher zu hinterfragen und sich eine eigene Meinung zu bilden. Die Abstimmung per SMS verführt dazu, zu sehr auf Köpfe und zu wenig auf Inhalte zu schauen. Der einzige, der bei Raab bisher die absolute Mehrheit einholte, war übrigens Sido. Spricht Bände, oder?

Weiter im Programm: Inzwischen hat sich auf meinem Fernseher eine Diskussion entwickelt, die – Überraschung – spannend ist. Klaus Ernst und Lasse Becker bilden extreme politische Gegenpole, das sorgt für Zündstoff. Gesprochen wird über Fußball, gerechte Gehälter und das bedingungslose Grundeinkommen, „Kohle für jeden, auch wenn er faul ist“, wie Raab polemisch, aber zutreffend sagt. Neue Gesprächsthemen werden in kurzen Videos vorgestellt, leider extrem einseitig und provokant. Das bringt zwar Stimmung in die Diskussion, prägt aber auch die Meinung des Zuschauers, bevor die Kandidaten auch nur einen Satz zum Thema sagen können. Eine eigene Meinung bilden? Schwer, wenn man kein Vorwissen hat.

Das alles wäre zu verschmerzen, wenn die Show nicht ein großes Problem hätte: Stefan Raab. Der Entertainer wirkt deplatziert. Manchmal scheint es, als habe er den Durchblick verloren im Dschungel der Argumente. Er stellt keine kritischen Fragen, hakt nicht nach. Genau das muss ein politischer Talkmaster aber leisten, hin und wieder zumindest. Was Raab abliefert, ist zu viel Entertainment und zu wenig Journalismus, eigentlich: gar kein Journalismus.

Fairerweise muss man sagen: Raab ist damit nicht allein im deutschen Fernsehen. Auch Günther Jauch traut sich in seiner Talkshow zu selten, seinen Gästen auf den Zahn zu fühlen. Ganz zu schweigen von Markus Lanz, der sich meist auf Belanglosigkeiten stürzt, wenn er es mit Politikern zu tun hat. Bei Raab fällt das vielleicht noch stärker auf, weil man ihn sonst aus intellektuell anspruchsloseren Sendungen wie Schlag den Raab kennt.

Kurz nach Mitternacht, ich habe es geschafft, Absolute Mehrheit ist vorbei. Klaus Ernst gewinnt 43,4 Prozent der Stimmen. Der Kandidat, den ich am überzeugendsten fand, schafft es nicht mal auf einen der ersten drei Plätze.

Nach der Show zappe ich noch ein wenig durch die Programme. Auf Vox spricht eine Wasserstoffblondine über ihre Körbchengröße. Absolute Mehrheit ist offenbar nicht das schlechteste, was man sich im Fernsehen anschauen kann.