Protest gegen Annette Schavan: Das Ende der Vernunft

Im Internet fordern einige Menschen den Rücktritt von Bildungsministerin Annette Schavan. Ihre Kritik ist symptomatisch für eine Protestkultur, die zunehmend in die falsche Richtung marschiert. Denn die Kritiker verkennen die Realität. Auch wenn sie es nicht wahrhaben wollen: Annette Schavan ist kein zweiter Guttenberg.

 

Da sind sie wieder, die Wutbürger: Im Internet und in Stammtischgesprächen wettern sie gegen Bildungsministerin Annette Schavan, der Anfang Mai in einem Blog vorgeworfen wurde, in ihrer Doktorarbeit plagiiert zu haben. Einige Wutbürger toben sich – wen wundert’s? – in Kommentaren auf bild.de aus. Schavan solle sich öffentlich schämen und ihre Unfähigkeit erklären, schrieb dort am 7. Mai ein „H. Herzog“. Einen Tag zuvor fragte ein anderer Leser: „Wie wäre es, wenn wir einfach mal alle brav auf die Straße gehen und gegen diese Betrüger demonstrieren?“

Vermutlich sind diese Kommentare ernst gemeint. Ihre Verfasser sind überzeugt: Annette Schavan hat bewusst getäuscht, als sie vor 32 Jahren ihre Doktorarbeit schrieb, sie hat fremde Texte abgeschrieben und als ihre eigenen ausgegeben. Doch was ist dran an diesen Vorwürfen?

Fest steht: Schavan hat damals unsauber gearbeitet. An einigen Stellen der Dissertation wird ein fremder Text übernommen, aber nur ein Teil davon als Zitat markiert und mit einer Fußnote belegt. Ob das schon als Plagiat gilt, darüber streiten sich Experten. An anderen Stellen paraphrasiert Schavan andere Autoren – ohne diese zu nennen. Diese Fälle sind schon eindeutiger als Plagiate einzustufen.

Dennoch: Es ist um umstritten, wie gravierend die Plagiate sind. Bernhard Kempen, der Präsident des Deutschen Hochschulverbandes, warnt vor Vorverurteilungen und fordert das einzig Richtige: die Untersuchung abzuwarten, die die Philosophische Fakultät der Universität Düsseldorf in die Wege geleitet hat.

Selbst die Plagiatsjäger von VroniPlag sind sich nicht einig, wie der Fall Schavan zu bewerten ist. Die Plagiate seien inhaltlich eindeutig, sagte ein Mitglied des Wikis gegenüber Spiegel Online, doch sie seien „lange nicht so schwerwiegend wie in anderen Fällen.“

Dass Schavan gravierend getäuscht hat, ist bislang also nur eine Behauptung; dass ihr der Doktortitel aberkannt wird, eher unwahrscheinlich. Trotzdem glauben einige Menschen, sie vorverurteilen zu dürfen. Im Internet fordern sie munter ihren Rücktritt.

Es ist noch nicht lange her, da standen Demonstranten vor Schloss Bellevue und hielten ihre Schuhe in die Höhe – in der arabischen Welt ein Zeichen der Verachtung, mit dem unter anderem die Ägypter auf dem Tahrir-Platz gegen Hosni Mubarak protestiert hatten. In Ägypten gehört das zur Kultur. In Deutschland ist es einfach lächerlich.

Kritik an Politikern ist zwar gut, weil sie zeigt, dass die Bürger in ihrer Demokratie nicht eingeschlafen sind. Aber Kritik kann auch furchtbar peinlich sein, wenn sie nicht verhältnismäßig vorgetragen wird. Christian Wulff hat Fehler gemacht und sein Rücktritt war berechtigt, keine Frage – doch er ist kein Mubarak! Annette Schavan hat akademische Regeln verletzt, okay – aber sie ist kein Karl-Theodor zu Guttenberg!

Solche Verhältnisse gilt es zu beachten. Politischer Protest darf nicht zum Ende der Vernunft werden, sie muss verhältnismäßig bleiben. Sonst laufen wir Gefahr, uns über alles und jeden aufzuregen und die wirklichen Missstände aus den Augen zu verlieren. Und dann: Gute Nacht, Protestkultur!