Lachen oder weinen

Glück im Unglück: Die Süddeutsche Zeitung bekommt keinen Sitz, ihr Magazin schon. Foto: Sebastian Gubernator

Süddeutsche Zeitung, FAZ & Co. haben keinen Platz im NSU-Prozess bekommen. Stattdessen: hallo-muenchen.de und Brigitte. Geht’s noch?

Eigentlich habe ich keine Zeit, diesen Artikel zu schreiben. Ich sollte Referate vorbereiten, Bücher lesen, eine Hausarbeit schreiben. Oder der Vorlesung zuhören, in der ich gerade sitze. Aber das hier muss jetzt einfach raus. Weil es unfassbar ist. Weil es mich wütend macht und gleichzeitig zum Lachen bringt.

Der Hintergrund ist bekannt: Das Münchner Oberlandesgericht (OLG) kam von selbst nicht auf die Idee, Plätze für türkische Medien zu reservieren – obwohl acht der zehn NSU-Opfer türkische Wurzeln hatten. Das Bundesverfassungsgericht hat nachgeholfen. Prozessverschiebung, neue Zuteilung der Presseplätze. Und jetzt? Berichten Brigitte, RTL2 und das Straubinger Tagblatt aus dem NSU-Gerichtssaal. Okay, auch Spiegel, Focus und ZDF hatten Glück, immerhin. Aber die großen überregionalen Zeitungen gingen leer aus. Als wenn das nicht peinlich genug wäre: WDR, SWR und BR werden aus München berichten, obwohl sie alle zur ARD gehören – die ebenfalls einen eigenen Sitz bekommen hat.

Wie das passieren konnte? Das OLG hatte die 50 Presseplätze in drei Gruppen aufgeteilt: 5 Stühle gingen an Nachrichtenagenturen, 10 an ausländische Journalisten und 35 an inländische. Ob und wie innerhalb der inländischen Medien noch einmal differenziert wurde, ist derzeit nicht bekannt. Keine Frage: Es ist gut, dass kleine Medien und freie Journalisten die Möglichkeit hatten, einen Platz im Gerichtssaal zu ergattern. Das entspricht der Pressefreiheit und fördert die Pressevielfalt in der NSU-Berichterstattung. Trotzdem: Im Losverfahren waren die Chancen der überregionalen Qualitätszeitungen, gemessen an ihrem Einfluss, offenbar viel zu gering. Ein kleines Kontingent speziell für solche Zeitungen hätte diesen Fehler behoben. Hat wohl niemand dran gedacht.

Das sieht Reinhard Müller ähnlich. Der Leiter des Ressorts Staat und Recht der FAZ fragte sich gegenüber Focus, „ob die neue Kontingentierung nach Mediengattungen und Herkunft sachgerecht sei, wenn dabei überregionale Medien mit dem Anspruch bundesweiter Berichterstattung leer ausgehen könnten.“ Tja, gute Frage.

Als Abonnent der Süddeutschen Zeitung freue ich mich übrigens darauf, vom SZ-Magazin über den Prozess informiert zu werden. Das hat nämlich einen Sitz bekommen. FAZ-Leser können ja in Zukunft öfters mal Radio Lotte Weimar einschalten. Die berichten ebenfalls exklusiv.