Kann die Linke Kanzlermacher?

Oskar Lafontaine im August 2005. Copyright: 2005 Uwe Stümke

Seien wir ehrlich, wie man es auch dreht und wendet, letztlich wird das nichts mit Rot-Grün im Bund 2013. Sollten sich in Angela Merkels Keller nicht noch unerwarteterweise Leichenstapel finden lassen und einen epischen Skandal heraufbeschwören, kommt Rot-Grün wohl an die Mehrheit nicht heran und die SPD an der großen Koalition nicht vorbei. Wenn die Linke der SPD mal gerade nicht die enttäuschten Wähler abspenstig macht, sind es die Piraten, die ihr die fehlenden Prozente wegstibitzen. Ein Dreierbündnis muss also her, nur mit wem?

Die Piraten ziehen es vor, erst noch ihre Bachelorarbeiten fertig zu schreiben, bevor sie Regierungsverantwortung übernehmen wollen und sind also bis auf weiteres beschäftig. Es lohnt sich also vielleicht, einen Blick auf die Linke zu wagen, auch wenn sich viele Beobachter gerade fragen, ob es die bis zur Bundestagswahl 2013 überhaupt noch gibt. Im Moment sind die Genossen nämlich damit beschäftigt, Nachfolger für die die Parteivorsitzenden Gesine Lötzsch (die im April zurücktrat) und Klaus Ernst zu finden, die auf dem Parteitag am 2.-3. Juni gewählt werden sollen. Und das soll nicht mit mehreren konkurrierenden Bewerbern geschehen, von denen dann die zwei mit den meisten Stimmen gewählt werden, sondern mit nur zwei Kandidaten (wegen der Frauenquote ein Mann und eine Frau oder zwei Frauen)  und in einstimmiger Harmonie. Da auf dem Parteitag also nicht mehr gewählt, sondern bloß noch abgenickt und geklatscht wird, findet der Machkampf nun im Vorfeld statt und droht die Partei zu spalten. In der Linken Ecke: Dietmar Bartsch, stellvertretender Vorsitzender der Linksfraktion im Bundestag. Und in der noch linkeren Ecke: Sahra Wagenknecht und Oskar Lafontaine; sie stellvertretende Vorsitzende, er Übervater der Linken. Bartsch, der die Mehrheit der Ostlinken hinter sich weiß, würde mit Wagenknecht als Co-Chefin auskommen, die will aber nur mit Lafontaine, den die Mehrheit der Westlinken als Chef sehen will, und beide Männer geht nicht, wegen Quote und so.

Während für die meisten SPD-Granden eine Koalition mit der Linken unter einem Vorsitzenden Lafontaine allein aus persönlichen Differenzen wohl undenkbar wäre, sähe das für eine Bartsch-Linke vielleicht ganz anders aus. Anfang 2010 bereits hatte Frank-Walter Steinmeier (SPD) Bartsch angeboten in die SPD überzuwechseln, als dieser wegen parteiinterner Kritik (und Querelen mit Lafontaine) nicht mehr für das Amt des Bundesgeschäftsführers kandidieren wollte.

Ein Jahr später, im Mai letzten Jahres dann, ging Sigmar Gabriel im Stern-Interview zu Bartsch und ähnlich Gesinnten, den sogenannten Reformern, in der Linken auf Kuschelkurs. Er verneinte zwar die Möglichkeit einer Koalition mit der Linken auf Bundesebene, aber als Begründung nannte er Positionen in der Linken, die Bartsch wohl ebenso Bauchschmerzen bereitet haben dürften (Stichwort: Wege in den Kommunismus). Doch gäbe es, sagte Gabriel damals, einen „Teil der Linkspartei, bei denen die Unterschiede zu uns inzwischen überschaubar sind – vielleicht schon immer waren.“  An die, und allen voran Bartsch, gerichtet sagte er: „Kommt zu uns Genossen! Herzlich willkommen in der SPD!“

Im Dezember 2011 hatten, nach einem Bericht der Frankfurter Rundschau zufolge, Hilde Mattheis und weitere Parteilinke Sozialdemokraten die Option Rot-Rot- Grün derzeit wieder ins Gespräch gebracht und so sagte Mattheis der Zeitung mit Blick auf die erstarkenden Piraten: „Die Parteienlandschaft wird sehr viel bunter, damit kommt die Linkspartei wieder ins Spiel.“

Vielleicht könnte nun also ein Vorsitzender Bartsch, der die SPD nahen Strömungen in seiner Partei zu stärken weiß, mit einem Sozialdemokraten aus dem linken Flügel wie Gabriel, die Parteien versöhnen und ihnen zusammen mit den Grünen eine echte Chance auf den Wahlsieg 2013 verschaffen. Doch was sagt eigentlich Dietmar Bartsch selbst zu dieser Perspektive? „Rot-Rot-Grün im Bund wäre also denkbar?“ fragte ihn kürzlich die Zeitung Die Welt im Interview. „Nein, das ist aktuell ausgeschlossen“, antwortete der und fügte hinzu: „Aber ich möchte die Tür einen Millimeter öffnen.“ Dessen Vorfreude auf solch ein Bündnis hält sich, wie es aussieht, also in Grenzen. Doch bevor irgendwelche Türen geöffnet werden können, muss Bartsch zunächst einmal den Showdown gegen Lafontaine gewinnen. Und überhaupt, ob ein Millimeter für Sigmar Gabriel ausreichen wird, ist hierbei mindestens genauso fraglich (Vorsicht: Metapher). Aber falls sich dieser Trend der seichten Annäherung Fortsetzen sollte, könnte es für 2013 tatsächlich doch noch spannend werden.