Kampf der Kampagnen – Koks vs. Baldrian

Copyright by World Economic Forum swiss-image.ch/Photo by Sebastian Derungs und CubeBubi/ Jakub Szypulka at en.wikipedia

Copyright by World Economic Forum
swiss-image.ch/Photo by Sebastian Derungs und CubeBubi/ Jakub Szypulka at en.wikipedia

In gut zweieinhalb Monaten wählt Deutschland seinen 18. Bundestag. Bis jetzt sind die Wahlkämpfer noch nicht in die Vollen gegangen, aber ihre Kampagnen-Teams verfolgen überraschend gewiefte Pläne für den Sieg.

Der Wahlkampf in Deutschland hat seine wilden Jahre hinter sich. So muss es einem vorkommen, wenn man den aktuellen und den letzten Wahlkampf mit den seligen Zeiten eines Gerhard Schröder vergleicht. Da wurden die Ärmel hochgekrempelt und ordentlich ausgeteilt. Schröder vs. Stoiber: Da flogen noch die Fetzen!

Heute hingegen kämpft nur einer: Steinbrück. Die andere genießt, wie ihr Vorsprung von alleine wächst. Den Gegner nicht zu attackieren und ihm auch keine Angriffsfläche zu bieten, hat Merkel schon 2009 gegen Steinmeier geholfen. Der Plan, den sich die CDU-Strategen für die kommende Bundestagswahl überlegt haben, bleibt also der gleiche wie zuvor, und der heißt: „asymmetrische Demobilisierung“.

Was zunächst gefährlich klingt, basiert auf der interessanten Beobachtung, dass konservative Wähler immer wählen gehen, egal ob im Land gerade Wirtschaftswunder oder Weltuntergangsstimmung ist. Die CDU-Wähler sind ständig ausmobilisiert, sagt man dazu. Die SPD-Wählerschaft hingegen tickt gewaltig anders. Die Linken gehen dann besonders zahlreich wählen, wenn im Volke Aufruhr herrscht. Wenn man sich besonders für oder, besser noch, gegen etwas stemmen kann. Wenn die Leute auf die Straße gehen, weil die Regierungs-Seite etwas besonders „Ungerechtes“ gesagt oder gemacht hat. Diese Kraft der Auflehnung ist es, die die Genossen an die Urnen treibt.

Auflehnungs-Level im Moment: irgendwo zwischen „Ach soll die Olle doch machen“ und „Es gibt doch eh wieder ne große Koalition“. Merkels Plan ist es also die linken Wähler zu demobilisieren, indem sie jeglichen Kontroversen aus dem Weg geht und keinen klaren Kurs aufzeigt. Sie sagt nicht, was sie verändern und wie sie die gesellschaftlichen Probleme lösen will. Denn dann könnte man ihr ja widersprechen,  dann könnte Steinbrück nachhaken. Sie will viel lieber die Message verkünden „Deutschland steht gut da Leute, alles im Grünen!“

Während die CDU versucht, den Bürgern politischen Baldrian einzuflößen, sucht die SPD unterdessen verzweifelt nach Koks. Obwohl die Gegenbotschaft von Steinbrück („Die soziale Ungerechtigkeit wächst. Wir brauchen mehr WIR, weniger ICH!“) vielen aus dem Herzen sprechen dürfte, nehmen die Leute es ihm einfach nicht ab (zur Umfrage), oder trauen ihm nicht zu, es besser zu machen (zur Umfrage).

An dieser Stelle könnte man jetzt sagen: keine Chance für die SPD, das Ding ist gelaufen. Doch das wäre voreilig, denn eine mächtige Trumpfkarte bleibt den Genossen noch, die vorher schon Barack Obama und Francois Hollande mit zur Macht verholfen hat: die Graswurzelkampagne.

Das Prinzip ist hier, an so viele Türen wie möglich zu klopfen, mit den Leuten ins Gespräch zu kommen und von der SPD zu überzeugen. Die Genossen planen, mithilfe ihrer immer noch zahlreichen Mitglieder, bis zur Bundestagswahl im September bei 5 Mio. Haushalten vorbei zu schauen. Über die lokalen Politiker vor Ort, die wissen, wo in ihrer Gemeinde die sozial Schwächeren wohnen, versucht die SPD so zielgenau wie möglich, zu ihren potenziellen Wählern zu gelangen und sie zu mobilisieren. Die Partei-Strategen haben errechnet, dass die SPD, wenn sie ihr Wählerpotenzial auf diese Weise ausschöpft, die Wahlen doch noch gewinnen kann. An diesen Berechnungen hängen dieser Tage viele Hoffnungen im Willy-Brandt-Haus.

Während der Vollblut-Wahlkämpfer Gerhard Schröder die Wahlen noch im Alleingang gewann, ist der Kandidat heute also auf die tatkräftige Unterstützung seiner Helfer angewiesen. Man könnte hier nun sagen, der Wahlkämpfer von heute bringt’s einfach nicht mehr. Man könnte allerdings auch sagen, der Mann ist ja doch authentisch: weniger ICH, mehr WIR.