Kalter Krieg im Wüstensand

Der Worst Case für Israel: Dem Iran gelingt es die Atombombe zu bauen und einzusetzen. Foto von Pierre J. auf Flickr

Der Konflikt zwischen Israel und dem Iran hält  Beobachter in aller Welt in Atem. Auf beiden Seiten regieren unversöhnliche Hardliner. Der Countdown zur Eskalation läuft. Eine Analyse über die Beziehung der beiden Staaten und die Folgen eines nuklearen Irans für Israel und die Welt. 

Eine Nation, über zweieinhalb Jahrtausende alt, auf einem Land von gerademal der Größe Hessens, beherbergt Kulturgüter von unschätzbarem Wert für jede der drei Weltreligionen. Und eine einzige Atombombe würde ausreichen, um das alles zu vernichten.

„Israel must be wiped off the map“, so wurde Irans Präsident Mahmud Ahmadinedschad vielfach zitiert. Er ist  der Präsident eben jenes Staates, dem unterstellt wird, sein ziviles Atomprogramm für die heimliche Herstellung einer Atombombe zu nutzen. Kein Wunder, dass da bei vielen die Alarmglocken schellen. Anfang Mai dieses Jahres, so wurde vermutet, würde Israel denn auch einen Luftangriff auf die iranischen Atomanlagen starten, um der drohenden Gefahr einer Atombombe zuvorzukommen – mit unabsehbaren Konsequenzen für den gesamten mittleren Osten. Der Angriff blieb nach dem Druck der amerikanischen Regierung zwar aus, aber die Lage ist weiterhin bis zum zerreißen gespannt.

Doch das Verhältnis der beiden Staaten war beileibe nicht immer so schlecht. Noch unter dem iranischen Schah-Regime in den 70er Jahren hatten Israel und der Iran starke und gute, wenngleich informelle, Beziehungen zueinander. Auch war der Iran 1948 eines der ersten Länder, das den Staat Israel anerkannte. So war das Bild des Irans unter den Israelis bis 1979 ein eher positives. Mit Iran assoziierten die Juden vor allem den einstigen Perserkönig Kyros II,  der im 6. Jahrhundert v.Chr. auf dem Gebiet des heutigen Irans regierte und die Juden aus dem verhassten Babylonischen Exil nach Jerusalem zurückkehren ließ. Darüber hinaus hatten beide Länder nie territoriale Streitigkeiten, da es weder gemeinsame Grenzen, noch konfligierende Ansprüche gab.

Das Verhältnis änderte sich jedoch abrupt, als nach der Revolution 1979 und dem Sturz des Schahs die Islamische Republik Iran entstand. Der Revolutionsführer Ayatollah Chomeini ließ alle Verträge mit Israel aufkündigen und den Präsidenten der Jüdischen Gesellschaft Teherans hinrichten. Die pro-westlichen Eliten wurden von anti-westlichen islamischen Eliten abgelöst und die Verbreitung  des Islam auf der Welt war von nun an oberstes Gebot. Professor David Menashri, einer der führenden Iran-Experten, glaubt, dass die aggressive Haltung gegenüber Israel eigentlich gegen die westliche Kultur an sich und insbesondere gegen die USA gerichtet ist. Dies aus dem Grund, da die westliche Kultur als dem Islam widerstrebend angesehen wird. Aufgrund Israels enger Bindung zu den USA, würden sich die Aggressionen deshalb stellvertretend gegen Israel richten.

Verstärkt wird diese Haltung zweifelsohne von den innenpolitischen Problemen des Irans. Die Führung versucht durch außenpolitisches Säbelrasseln davon abzulenken, dass die innenpolitische Lage nach der Revolution heute immer noch nicht besser ist als vorher. 2011 lebten schätzungsweise 50 Prozent der städtischen Bevölkerung unter der Armutsgrenze. Die Angst der Staatsführung vor sozialen Unruhen ist groß.

So zielen die derzeitigen Bemühungen der internationalen Gemeinschaft, den Iran an der Bewaffnung zu hindern, auf die Unzufriedenheit der Bevölkerung. Die Zustimmung zur Regierung soll durch wirtschaftliche Sanktionen und politische Isolation geschwächt werden. Der für den Staat lebenswichtige Verkauf des geförderten Öls, der zweidrittel der Staatseinnahmen ausmacht, wird durch die internationalen Sanktionen erschwert. Dieses Jahr sind die Einnahmen um ein Drittel eingebrochen. Doch ob die schlechte wirtschaftliche Lage letztlich ausreichen wird, um das Volk rechtzeitig vor der Fertigstellung der Bombe zur Revolution gegen die Regierung anzustacheln, ist fraglich. Während im Frühling 2011 die Menschen in vielen Teilen der arabischen Welt gegen ihre Regierungen protestierten, regte sich im Iran kein laues Lüftchen. Revolution 2.0: Fehlanzeige.

Wie der Israelische Premierminister Netanjahu im Oktober vor der UN-Generalversammlung bildlich veranschaulichte (er hielt ein Plakat mit einer Comic-Bombe darauf hoch, das die Phasen der Fertigstellung der iranischen Atombombe darstellte), wird der Iran etwa nächsten Sommer genug radioaktives Material zusammenhaben, um sie für den Bau einer Atombombe nutzen zu können. Spätestens dann, so Netanjahus Message, wird er erneut einen Angriff erwägen.

Wenn es dem Iran letztendlich gelingen sollte, die Bombe zu bauen, ist für Israel aber noch nicht aller Tage Abend. Denn, dass der Iran gegen Israel bellt, heißt noch lange nicht, dass er auch beißen wird. Der eingangszitierte Ausspruch Ahmadinedschads („Israel must be wiped off the map“),  wird zwar oft und gern benutzt, um in Israel Ängste zu schüren, gesagt hat ihn Ahmadinedschad so aber nie. Katajun Amirpur etwa übersetzt das Zitat in der Süddeutschen Zeitung wie folgt: „Das Besatzerregime muss Geschichte werden.“ Dieser Ausspruch sei keine Aufforderung zum Vernichtungskrieg, so  Amirpur, „sondern ein Appell, die Besatzung Jerusalems zu beenden.“ Doch richtig ist hierbei auch: Ahmadinedschad hat die von den Nachrichtenagenturen verbreitete Übersetzung selbst nie zurückgewiesen.

Gegen einen baldigen iranischen Atom-Angriff auf Israel spricht weiterhin, dass der Iran im Sommer dann zwar über eine, Israel aber über schätzungsweise 200 Atombomben verfügen würde. Ganz zu schweigen vom riesenhaften Arsenal der Amerikaner, deren Zweitschlag die Iraner nach einer Attacke auf Israel fürchten müssten.

Wahrscheinlich wird sich die Welt „einfach“ damit abfinden müssen, bald mit einem weiteren nuklearen Staat zu leben. Was einst im Kalten Krieg und heute mit Nordkorea funktioniert, wird wahrscheinlich auch bald mit dem Iran klappen: Wenn alle Atomwaffen haben, stirbt keiner. Oder eben alle.

Instabil kann dieses krisenbewährte Szenario aber werden, wenn man die Mentalitäten der Nuklearmächte vergleicht: Während Eliten in Demokratien und Kommunismus um das Wohl ihrer Bevölkerung, oder zumindest doch um ihr eigenes, bedacht sind, so sind radikale religiöse Eiferer, spätestens seit dem 11. September, dafür bekannt, für ihre Überzeugungen auch gerne mal zu sterben. Besonders dann, wenn sie dadurch genügend Ungläubige mit in den Tod reißen können. Dass die Führung der muslimischen Theokratie Iran genug radikales Potenzial besitzt, um zu einem derartigen Himmelfahrtskommando fähig zu sein, möchte ich ihr zwar nicht unterstellen, aber ebenso wenig ausausschließen.