Ja, nein, vielleicht

Das Parlament in Edinburgh – bald völlig unabhängig von Westminster? Foto: ralfnausk / Flickr

Schottland wird in zehn Monaten darüber abstimmen, ob es ein unabhängiger Staat werden soll. Das Referendum könnte die politische Landschaft in Großbritannien radikal verändern. Aber wie wird es ausgehen? Ein Stimmungsbild.

Der Kampf hat begonnen. Das merkte ich heute Mittag, als ich auf dem Boden vor meiner Wohnungstür das Flugblatt sah: Format und Aufmachung einer Boulevardzeitung, wenig Text, große Fotos, ganz oben eine Ein-Wort-Überschrift: „Yes!“ Keine vier Stunden später, ich kam gerade aus einer U-Bahn-Station, drückte mir ein Mann ein anderes Flugblatt in die Hand, kleiner, aber provokanter als das erste: Ein unabhängiges Schottland, stand da, wäre „the most powerful nation in Europe“.

Geführt wird dieser Kampf um die vielen Unentschlossenen. Sie sollen am 18. September 2014 „Yes“ ankreuzen. Schottland ist seit 1707 in einer Union mit England, nun soll es unabhängig werden – auch wenn alle Meinungsumfragen darauf hinweisen, dass das Referendum scheitern wird.

Ich lebe seit fast vier Monaten in Glasgow und habe dutzende Gespräche über Schottland und seine Zukunft geführt. Ich kenne Mitglieder der Labour Party, die gegen ein unabhängiges Schottland sind, weil sozialistische Solidarität keine Grenzen kennt. Ich kenne Mitglieder der Scottish National Party (SNP), die per definition für ein unabhängiges Schottland sind. Die meisten meiner Bekanntschaften sind keine Parteimitglieder und haben noch keinen blassen Schimmer, wofür sie stimmen werden.

Tatsächlich gibt es einen guten Grund, warum Schottland ein eigener Staat sein sollte: Die Mehrheit der schottischen Wähler steht links von der politischen Mitte. Die beiden stärksten Parteien in Schottland, die SNP und Labour, sind sozialdemokratisch. Die konservativen Tories haben kaum etwas zu melden. Trotzdem wird das Vereinigte Königreich von einem konservativen Premierminister regiert. Bei Wahlen ist Schottland zu klein, um sich gegen England durchzusetzen. Seit 1999 gibt es deshalb ein Parlament in Edinburgh, das sich unter anderem um Bildung, Gesundheit und Polizei kümmert. Dinge wie die nationale Sicherheit, Handel und Waffengesetze werden weiterhin von einer Regierung bestimmt, die die Mehrheit der Schotten nicht gewählt hat. Es gibt, wie manche Schotten sagen, ein „demokratisches Defizit“. In einem unabhängigen Schottland wäre das anders. Aber würde es dem Land dann besser gehen?

Ich liebe es, Taxifahrern diese Frage zu stellen. Taxifahrer in Glasgow sind wegen ihres breiten Akzentes extrem schwer zu verstehen, aber ihre politischen Ansichten können ungemein spannend sein. Die meisten Gespräche laufen so ab:

 

Ich: Was glaubst du, wird Schottland nächstes Jahr unabhängig?

Der Taxifahrer: Nein. Wir sind wirtschaftlich nicht stark genug, um unabhängig zu sein. Woher kommst du?

Ich: Aus Deutschland.

Der Taxifahrer: Ihr habt keine wirtschaftlichen Probleme in Deutschland, oder?

 

Die Wirtschaft ist der springende Punkt: Schottland hat eine Menge Öl und Gas in der Nordsee, es gibt Touristen und Windkrafträder, alles Einnahmequellen. Ob man damit ein unabhängiges Schottland versorgen kann, wissen aber selbst Experten nicht. Einer meiner Dozenten an der University of Glasgow (und einer der bekanntesten Politikwissenschaftler in Schottland): „Jeder Ökonom sagt was anderes, die einen sagen Ja, die anderen sagen Nein. Das muss euch verwirren. Ich weiß selbst nicht, was stimmt.“

Kein Wunder also, dass die Schotten vor allem eines sind: unsicher. Viele werden sich wohl erst am Tag des Referendums entscheiden. Den Yes-Unterstützern bleibt noch genug Zeit, um neue Flugblätter zu drucken.