Immer Ärger mit Reli

Über Religion lässt sich vortrefflich streiten. Über den Religionsunterricht in Deutschland leider auch. Katholiken wollen keinen gemeinsamen mit Protestanten (und umgekehrt), Muslime fordern vermehrt ihren eigenen und die Atheisten wollen ihn am liebsten ganz abschaffen. Kein anderes Unterrichtsfach erhitzt die Gemüter wie der Religionsunterricht.

Warum ist dieses Fach nun so anders als die übrigen? Das hängt zu allererst mit dem Anspruch zusammen, den die Kirchen, die die Lehrerenden ausbilden und an die Schulen entsenden, an den Unterricht haben. Nach deren Ansicht soll es primär eine religiöse Unterweisung in ihrer Religion und Konfession sein – von Gläubigem zu Gläubigem. Bei Dr. Volker Jung, dem Kirchenpräsidenten der Evangelischen Kirche Hessen-Nassau hört sich das z.B. so an:  „Der evangelische Religionsunterricht erschließt das Verständnis von Gott, Mensch und Welt in der jüdisch-christlichen Tradition…“ Oder auch so: „Es geht im Religionsunterricht um die Zuwendung zum Menschen im Namen Jesu.“ Erst sekundär (wenn überhaupt) soll es ein Unterricht sein, in dem den Schülern Inhalte von verschiedenen Religionen näher gebracht werden sollen.

Darum ist es vielleicht nicht so verwunderlich, dass einige Eltern geradezu Angst davor zu haben scheinen, dass ihre Sprösslinge im fremden Religionsunterricht bekehrt werden könnten, oder sich dort zumindest fehl am Platze fühlen. Dieser Anspruch einer religiösen Unterweisung ist es also, der die ganzen Probleme rund um den Religionsunterricht auslöst: Vom katholischen Bayern übers Multi-Kulti-Berlin bis hin zum atheistischen Meck-Pomm. Überall fühlen sich die, deren Ansichten im Unterricht nicht berücksichtigt werden vor den Kopf gestoßen. Denn wer will schon religiöse Lektionen in einem Glauben bekommen, den er selbst gar nicht teilt?

Wenn man Religionslehrer fragt, woher sie den Anspruch nehmen, eine solche religiöse Unterweisung ihrer Schäfchen in einer staatlichen Schule durchzuführen, wird man auf den Artikel 7 Absatz 3 unseres Grundgesetzes verwiesen. Dort steht: „Unbeschadet des staatlichen Aufsichtsrechtes wird der Religionsunterricht in Übereinstimmung mit den Grundsätzen der Religionsgemeinschaften erteilt.“ Die Zunft der Juristen möge mir verzeihen, aber, wie man daraus nun den oben dargelegten Anspruch ableiten soll, kann ich leider nicht erkennen.

Selbst wenn die Auslegung dieses Artikels nun einwandfrei sein sollte (wovon ich in unserem Rechtsstaat mal stark ausgehe), so sollte man doch nicht vergessen, dass die Kirchen bei der Schaffung des Grundgesetzes eine der stärksten Lobbygruppen waren, die auf dessen Ausgestaltung erheblichen Einfluss genommen haben. Dass besonders dieser Artikel 7 von den beiden Christlichen Kirchen ganz entscheidend mitgestaltet wurde, ist wohl kaum zu übersehen. So sollte der Artikel, der die Legalität dieser Unterrichtsauffassung sichert, nicht davon abhalten, zu überlegen, ob dieser Religionsunterricht auch sinnvoll ist. Ob er also legitim ist, oder nicht.

In meinem religionswissenschaftlichen Seminar war neulich ein Muslim zu Gast, der von seinem Glauben und seinem Engagement für einen muslimischen Religionsunterricht in Hessen erzählte. Er schwärmte davon, wie gut es für das gegenseitige Verständnis der Religionen sein würde, wenn die Schüler des christlichen und die des muslimischen Religionsunterrichts, die sonst  getrennt unterrichtet werden würden, an besonderen Tagen gemeinsame Projekte und gemeinsamen Unterricht haben könnten. Denn so würden die Schüler die Religion der anderen kennen lernen. Eine ganz famose Idee, wirklich. Aber können Kinder die Religionen ihrer Mitschüler nicht noch viel besser kennenlernen, wenn sie immer gemeinsam Unterricht haben? Und zwar einen, in dem jede Weltreligion einen mehr oder minder gleichbedeutenden Teil darstellt. Wäre das für das Verständnis der anderen nicht viel förderlicher?

Und überhaupt, warum soll ein Quasi-Konfirmandenunterricht in der Schule stattfinden? Warum soll an staatlichen Schulen gelehrt werden, wie man im Leben ein guter Moslem, Jude oder Hindu wird?

Warum sollte es das bitte? Gehört das nicht vielmehr in die Gotteshäuser dieses Landes?

In die Schule jedenfalls, so finde ich, gehört ein Unterricht, der keinen Glauben, sondern Wissen fördern will. Ein Unterricht, der sich nicht als Abenteuerfahrt zur persönlichen Entdeckung Jesu Christi versteht, sondern als Religionskunde. Ein Unterricht, bei dem das Christentum genauso wie das Judentum und der Islam behandelt wird: als eine Religion von vielen. Ein Religionsunterricht als Ort, an dem vielleicht auch Philosophie und Religionskritik ihren Platz haben könnten. Dessen Lehrer nicht evangelische oder katholische Theologie studiert haben, sondern Religionswissenschaft. Die nicht für einen einzigen Glauben stehen, sondern für das Wissen über eine Vielzahl solcher. So wären Christen, Muslime, Juden und Atheisten zusammen im Unterricht, würden übereinander, voneinander lernen, ohne dass jemand Angst haben bräuchte, dass ihm ein fremder Glaube aufgedrückt werden könnte, oder er sich dort mit seinem Glauben fehl am Platze fühlt.

 

Was meint ihr? Sagt es mir in euren Kommentaren.