Im Osten nichts Neues

Manche Experten sprechen von einer „schleichenden Demokratisierung“ in China. Von freien Wahlen und Menschenrechten ist das Land aber noch weit entfernt. Mu Yan weiß das. Der 23-Jährige kommt aus Peking, studiert zurzeit in Großbritannien. Was denkt er über seine Heimat? Eine Begegnung mit einem Menschen, der in einer Diktatur aufgewachsen ist.

Darf man das: ihn fragen, was er von der Zensur hält? Davon, dass man in China nicht auf Facebook zugreifen kann, auf Twitter und auf die Website der New York Times? Darf man ihm sagen, was man über seine Heimat denkt: dass sie eine Diktatur ist? Oder ist er dann beleidigt?

Ein Sonntagabend in Glasgow. Mu Yan sitzt in einem Pub, dunkle Tische, langer Tresen, von der Decke hängt die schottische Fahne: ein weißes Kreuz auf blauem Grund. Mu Yan heißt eigentlich anders, aber sein richtiger Name soll nicht in diesem Artikel stehen. Er ist hier, um über Politik in China zu sprechen. Über die Wahl, die keine Wahl war. Über die Menschen, die ihn geschlagen haben, weil er nicht aus seiner Wohnung ausziehen wollte.

Yan ist 23, er trägt eine schwarze Lederjacke und eine Brille mit dickem Rand. In Peking hat er Wirtschaft studiert. Seit fünf Monaten wohnt er in Glasgow, um seinen Abschluss an einer englischsprachigen Universität zu machen. Also, wie ist das mit der Politik in China? „Wenn die Menschen im Westen an China denken, gibt es viele Missverständnisse“, sagt Yan. „Das System ist nicht so repressiv, wie viele hier denken. Kritik ist erlaubt – bis zu einem gewissen Grad.“

Wie frei ist China? Yan denkt an seine erste Wahl: die Wahl zu einem der lokalen Volkskongresse, den einzigen direkt gewählten Organen im politischen System Chinas. In einer Halle in seiner Universität hatte man Wahlurnen aufgestellt, 2500 Studenten standen Schlange. Sie wollten nicht wählen, aber sie mussten. Auf dem Wahlzettel standen fünf Kandidaten. Überall in der Halle waren Aufsichtspersonen. Sie sprachen die Studenten an und empfahlen ihnen, zwei bestimmte Kandidaten zu wählen.

Yan stand vor der Urne, die Aufsichtspersonen direkt daneben; einen Sichtschutz gab es nicht. Er kreiste die beiden Kandidaten ein, die man ihm empfohlen hatte. „Selbst wenn ich andere Kandidaten gewählt hätte – das Ergebnis wäre dasselbe gewesen.“ Mitlaufen, weil man das Ergebnis sowieso nicht beeinflussen kann. Das ist die Logik der Diktatur. Nur wenige hätten an diesem Tag für andere Kandidaten gestimmt, sagt Yan.

Er steht auf und geht zum Tresen. Als er zurückkommt, hat er eine Flasche Cider in der Hand, Marke Bulmers. Er nimmt einen kräftigen Schluck und sagt: „Alles in allem macht die chinesische Regierung einen guten Job.“

Er sagt das über eine Regierung, die ihn im Stich gelassen hat. Damals, als man seine Familie zwingen wollte, aus der Wohnung auszuziehen, in der sie mehr als 50 Jahre gelebt hatte. Wer wollte sie zwingen? Yan weiß es nicht. Er weiß nur, dass jemand in Peking Häuser abriss, um Bürogebäude aus dem Boden zu stampfen. Seine Eltern, sein Onkel, seine Großmutter und er lebten in der Wohnung. Sie wollten nicht ausziehen. Männer kamen, um mit ihnen zu verhandeln. Sie boten eine Entschädigung, die viel zu niedrig war. Die Familie nahm sie nicht an. Die Behörden stellten ihnen Wasser und Strom ab. Die Familie kam bei Yans anderer Großmutter unter, aber ihre Wohnung wollte sie nicht aufgeben: Sie teilte Wachen ein, mindestens ein Familienmitglied sollte immer in der Wohnung sein.

Im Frühling 2011 kamen die Räumungskommandos. Sie tauchten vor dem Haus auf, bedrohten Yans Onkel, der die Wohnung allein bewachte, schlugen ihn.

Nach Angaben von Amnesty International sind Zwangsräumungen in China keine Seltenheit. Laut einer 2012 von der Menschenrechtsorganisation veröffentlichten Studie müssen immer mehr Menschen ihre Häuser verlassen, um Platz für Straßen, Wohnkomplexe und Industriegebäude zu schaffen. Manche, die Widerstand leisten, landen im Gefängnis – oder werden von Räumungskommandos bedroht.

Yan und seine Familie lassen sich nicht einschüchtern. Immer, wenn die Räumungskommandos auftauchen, rufen sie Freunde zur Verstärkung – und kämpfen. Vor ihrer eigenen Haustür liefern sie sich Schlachten, mit Steinen und Eisenstangen. Einmal wird Yan von einem der fremden Männer gepackt. Er befreit sich aus dem Griff und schlägt mit einer Eisenstange auf den Angreifer ein.

Er sagt, er habe nichts gedacht und nichts gefühlt, als er zuschlug. Er klingt nicht stolz.

Zwei Jahre kämpft die Familie um ihre Wohnung. Polizei und Regierung tun nichts. Schließlich wird der Familie eine Entschädigung angeboten, die hoch genug ist, um sie anzunehmen. Das Haus wird abgerissen.

Ist Yan sauer auf die Regierung, weil sie ihm nicht geholfen hat? „Unser Sozialwohnungssystem ist gut. Unsere medizinische Versorgung ist gut. Die Regierung macht einen guten Job.“ Er überlegt. Trinkt einen Schluck. Sagt: „Das mit der Zwangsräumung, das war eine Ausnahme.“