Ein Nachruf

Die Tageszeitung: nichts als Altpapier? Foto: Sebastian Gubernator

Du raschelst. Du riechst nach Papier und Druckerschwärze. Du bist groß, viel zu groß, als dass man dich bequem im Bus oder unauffällig im Hörsaal lesen könnte. Du bist nie aktuell; was du verkündest, habe ich schon gestern Abend in der Tagesschau gesehen. Trotzdem: Ich werde dich vermissen. Requiem für die Tageszeitung.

 

Letzte Woche waren sie mal wieder an der Uni. Als wollten sie sich noch einmal aufbäumen gegen das Unvermeidliche. Eine Studentin und ein Student standen auf dem Campus, verteilten Gratis-Gummibärchen und warben für die Süddeutsche Zeitung: Probeabo, zwei Wochen, kostenlos. Seien Sie anspruchsvoll und so.

Ausgerechnet in der Woche, in der die Frankfurter Rundschau Insolvenz anmeldete. Eine der großen deutschen Tageszeitungen hat aufgegeben, nach langem Kampf, vermutlich wird sie bald nicht mehr erscheinen. Gestern wurde bekannt, dass auch die Financial Times Deutschland bald eingestellt wird. Überraschend ist das nicht. Aber traurig.

Dass es den Tageszeitungen dieser Welt schlecht geht, ist bekannt. Sie sind zu Opfern des Internets geworden, man könnte auch sagen: zu Opfern ihrer eigenen kostenlosen Internetseiten. Die Folgen sind fatal: Journalisten werden entlassen, ganze Redaktionen geschlossen. Bis vor kurzem war das vor allem ein amerikanisches Phänomen. Jetzt ist es nach Deutschland geschwappt, wie so viele mediale Trends aus Übersee. Mit der Frankfurter Rundschau und der Financial Times beginnt das deutsche Zeitungssterben.

„Die Presse ist Vergangenheit“, sagte Jeff Jarvis vor einigen Jahren. „Wer sich nicht auf eine Zukunft nach der Zeitung vorbereitet, handelt selbstmörderisch.“ Jarvis ist eine Art Prophet des digitalen Journalismus. Er überspitzt vieles, übertreibt gerne, aber in diesem Punkt hat er Recht: Die gedruckte Tageszeitung, wie wir sie kennen, wird es nicht mehr lange geben. Es ist das schmerzhafte Ende einer 400-jährigen Geschichte.

Wir werden es vermissen: das Gefühl, schlaftrunken vor die Tür zu wanken und die Nachrichten aus dem Briefkasten zu fischen. Das Rascheln und Knistern am Frühstückstisch. Den Duft der Druckerschwärze. Klar, sie ist veraltet. Aber es ist doch ein beruhigender Gedanke, dass man genau das wissen muss, was in ihr steht – und nicht mehr. Die Zeitung setzt der Informationsflut eine Grenze. Ganz anders als das Internet.

Natürlich ist das bloße Nostalgie. Natürlich ist die Zeitung unpraktisch, weil sie nie aktuell sein kann. Sie ist unwirtschaftlich, weil ein Drittel der Gesamtkosten in Druck und Vertrieb fließen. Ihre Zeit ist abgelaufen. Vermutlich – das ist meine Prognose – wird sich das Spiegel-Online-Modell durchsetzen: unter der Woche aktuelle Infos im Internet, am Wochenende eine Zeitung mit langen Reportagen und Analysen – vielleicht gedruckt, vielleicht auf dem iPad, mal sehen.

Wenn die Tageszeitungen diesen Sprung nicht schaffen, werden weitere Redaktionen schließen, werden Pressevielfalt und Meinungspluralismus weiter bröckeln. Das Internet ist der Todesstoß, aber auch die Überlebenschance für den Journalismus. Magazine und Wochenzeitungen machen heute schon vor, wie es in Zukunft alle machen müssen. Fehlen wirst du uns trotzdem, liebe Tageszeitung.