Der kranke Kontinent

Krank, aber nicht tot: Europa. Foto: Albertane / Flickr

Krank, aber nicht tot: Europa. Foto: Albertane / Flickr

Europa zerbricht: Parteien wie die Alternative für Deutschland sind im Höhenflug, die Briten könnten in drei Jahren für einen Austritt aus der EU stimmen. Die anstehende Wahl zum Europaparlament ist den meisten Bürgern egal. In der Ukraine tobt währenddessen eine Revolution: Menschen kämpfen und sterben – für die europäische Idee.

Die Symptome sind eindeutig: Populismus, Separatismus, eine Wirtschaft, die seit Jahren am Boden ist. Europa ist krank. Und niemand scheint eine passende Medizin zu haben.

Wären heute Europawahlen, würden 6 Prozent der Deutschen für die Alternative für Deutschland (AfD) stimmen – für eine Partei, die die Auflösung der Eurozone fordert. In Großbritannien würde die United Kingdom Independence Party (UKIP) 26 Prozent der Stimmen bekommen – die Partei gilt als rechtspopulistisch und träumt davon, Großbritannien aus der EU zu führen. Die britische Regierung hat für 2017 ein Referendum über einen EU-Austritt versprochen. Bedingung dafür ist, dass Premier David Cameron nächstes Jahr wiedergewählt wird.

In Schottland und Katalonien werben Separatisten für politische Unabhängigkeit. Ihre Ziele sind legitim und ihre Argumente nicht von der Hand zu weisen. Aber sie sind das Gegenteil der europäischen Idee: Sie wollen spalten statt zusammenführen.

Italien ist das Land der Regierungskrisen: Berlusconi, Monti, Letta, Renzi, vier Ministerpräsidenten in drei Jahren. Griechenland kämpft mit hoher Arbeitslosigkeit und einer gestiegenen Selbstmordrate. Die Eurokrise will nicht aufhören.

Europa ist krank, und uns ist es egal. Die wenigsten Menschen verstehen die Europäische Union. Die meisten Menschen halten Frieden, Pressefreiheit und Demokratie für selbstverständlich. Bei der Europawahl 2009 haben nur 43 Prozent der Wahlberechtigten ihre Stimme abgegeben.

Während wir faul und bequem und europaverdrossen sind, kämpfen die Demonstranten in der Ukraine dafür, Teil dieses Europas zu werden. Im Dezember standen sie auf dem Maidan in Kiew, schwenkten die Nationalflagge der Ukraine – und die Fahne der Europäischen Union. Sie haben einen Präsidenten gestürzt, der sein Land lieber an Moskau als an Brüssel binden wollte. Der Aufstand in der Ukraine macht Hoffnung: Europa ist krank, aber nicht tot.